Zu der von Herrn Minister Dr. Einem initiierten Diskussion über die österreichische Landesverteidigung, die Rolle des Bundesheeres und die Notwendigkeit der allgemeinen Wehrpflicht bzw. der Etablierung eines Berufsheeres, möchte ich meinerseits folgende Gedanken beitragen:
1. Einleitung
Wenn man so offen und ungeniert über die Aufhebung unserer "immerwährenden" Neutralität in der Öffentlichkeit sprechen kann, sollte es auch möglich sein, z.B. über die Änderung der allgemeinen Wehrpflicht diskutieren zu dürfen.
2. Theorie
Grundsätzlich kann man zwei unterschiedliche theoretische Konzepte der Landesverteidigung bzw. der Erhaltung der Sicherheit eines Landes unterscheiden:
A) Kampf, Verteidigung und Krieg
B) Konfliktverhütung, Prävention und Friede
Da bisher beide Konzepte in der Praxis nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben und Kriege wie eh und je auf der Tagesordnung stehen, erscheint es notwendig, völlig neue Ansatzpunkte im Bereich der modernen Friedensforschung in Betracht zu ziehen: Soziologische Untersuchungen bestätigen den Begriff des sog. kollektiven Streß. Durch entsprechende Technologien, die zu einer Reduktion von Streß im kollektiven Bewußtsein eines Landes führen, kommt es zur Abnahme von Gewaltbereitschaft, Aggressivität, Kriminalität und kriegerischen Auseinandersetzungen (Journal of Conflict Resolution, Vol.32, Nr. 4, Dec. 88, 776-812). Damit wäre es zum ersten Mal möglich, die eigentliche Ursache für Kriege und Gewalt - nämlich anwachsenden Streß in der Gesellschaft - in den Griff zu bekommen bzw. zu beseitigen. Friede ist ein natürlicher Ordnungszustand, der nicht durch Waffengewalt von außen her einer Gesellschaft aufgezwungen werden kann.
3. Ausbildung
Der Hauptschwerpunkt sollte auf Friedenserziehung und nicht auf Kriegsvorbereitung unserer Jugend gelegt werden.
Die Sinnhaftigkeit der gegenwärtigen militärischen Ausbildung stößt bei einem Teil der Jugendlichen ohnehin auf Skepsis. Es ist fraglich, ob der richtige Umgang mit der Waffe die adäquate Erziehung für junge Menschen sein kann.
4. Evaluierung
Der historische Nachweis über die Effizienz einer militärischen Friedens- und Sicherheitsinitiative steht noch immer aus. Die Bereitschaft von Menschen für ihr Land zu Töten und zu Sterben war nie eine Garantie für die Sicherheit des Landes.
In den letzten zweitausend Jahren wurden angeblich über neunhundert Friedensverträge abgeschlossen, die jedoch im Durchschnitt nicht länger als 8 Jahre gehalten haben sollen.
Dauerhafter Friede wurde nie durch Waffengewalt erreicht. Der Ausbruch von Kampfhandlungen war für alle Beteiligten bereits der erste Schritt zur Niederlage.
Krieg wurde immer von den jeweiligen Streitparteien als unabdingbar und ihr Standpunkt als der gerechte angesehen. Das hat so weit geführt, daß sogar im Namen Gottes Kriege geführt und Menschen getötet wurden und auch heute noch werden (Heilige Kriege) - der wohl traurigste Beweis für das Versagen eines religiösen Friedenskonzepts.
Kriege haben nie etwas Positives gebracht, immer nur Leid, Elend, Krankheit und Tod - sowohl für den Sieger, als auch für den Besiegten. Es sollte daher unsere gesamte Aufmerksamkeit und alle unsere Möglichkeiten darauf gerichtet sein, die Entstehung neuer Konflikte und Kriege zu verhindern.
5. Zusammenfassung
Es wäre gut, ein Militär zu besitzen von dem man weiß, daß es in der Lage wäre, einen eventuell auftretenden Feind zu besiegen - aber es wäre noch weitaus besser, eine Verteidigungstechnologie zu besitzen, die in der Lage wäre, Kriege und Konflikte von vornherein zu vermeiden.
Prävention im Sinne von Streßabbau in der Gesellschaft wäre das entscheidende neue Konzept einer sinnvollen Landesverteidigung - und darüber würde es sich lohnen, ausführlicher zu diskutieren.
Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Lothar Krenner
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