Offener Brief

Betr.: Gentechnisch veränderte Lebensmittel; Zulassung in Österreich.

Frau Bundesministerin Dr. Christa Krammer
BM für Gesundheit und KonsumentenschutzHerrn Bundesminister Dr. Hannes Farnleitner
BM für wirtschaftliche Angelegenheiten

Sehr verehrte Frau Bundesministerin, sehr geehrter Herr Bundesminister!
 
Mit Bestürzung haben wir Ihre Äußerungen im Zusammenhang mit der Einfuhrbewilligung und Kennzeichnungspflicht gentechnisch veränderter Lebensmittel registriert.
 
Zu Ihrem Argument, sehr verehrte Frau Minister, es gäbe keine ausreichenden neuen wissenschaftlichen Untersuchungen über die gesundheitlichen Schäden gentechnologisch veränderter Lebensmittel, möchten wir folgendes festhalten:
 
Die primäre und entscheidende Frage in diesem Zusammenhang ist, zumindest unserer Meinung nach, ob Sie, sehr verehrte Frau Minister, als Gesundheitsverantwortliche für die österreichische Bevölkerung, jede Art von Gesundheitsrisiko im Zusammenhang mit gentechnologisch veränderten Nahrungsmitteln ausschließen können?
 
Die Beweislast über die Unbedenklichkeit und über mögliche Gesundheitsrisken liegt doch wohl nicht auf Seite der Bevölkerung, sondern auf Seite der biotechnologischen Industrie. Haben Sie, sehr verehrte Frau Minister, solche Untersuchungen in ausreichendem Umfang in Auftrag gegeben?
 
Ist Ihnen bekannt, sehr verehrte Frau Minister, daß sich eine immer größer werdende Zahl von Wissenschaftlern gegen eine Anwendung gentechnologischer Verfahren in der Nahrungsmittelindustrie ausspricht (siehe dazu Prof. John Fagan, MUM, Fairfield, Iowa, USA, der auch einen Test zum „Aufspüren“ gentechnologischer veränderter Komponenten in Nahrungsmitteln entwickelt hat)?Von Ihnen, sehr geehrter Herr Bundesminister, sind uns bis jetzt noch keine Argumente bekannt geworden, die Ihren Einspruch gegen eine Kennzeichnungspflicht gentechnologisch veränderter Lebensmittel erklären würden.
 
Glauben Sie, daß die Wahrung der wirtschaftlichen Interessen der Großindustrie wichtiger ist, als die Vermeidung einer möglichen Gesundheitsgefährdung der österreichischen Bevölkerung?
 
Glauben Sie, sehr geehrter Herr Minister, daß der österreichische Lebensmittelmarkt unterversorgt wäre, wenn diese gentechnologischen Nahrungsmittel nicht auf den Markt kommen würden?
 
Da auch Ihnen bekannt ist, daß über 70% der österreichischen Bevölkerung für die Kennzeichnungspflicht gentechnologisch veränderter Nahrungsmittel eintritt, geben Sie bitte Ihre Argumente, die den Wunsch des Großteils unserer Bevölkerung mißachten, bekannt.
 
Die Vertreter der gegenwärtigen Politik könnten sich einiges an Ratlosigkeit nach den Wahlen ersparen, wenn sie zwischen den Wahlen mehr ihr Gefühl kultivieren würden, das sie zu verantwortungsvollen und dem Interesse der Bevölkerung dienenden Entscheidungen verhelfen würde - und sich weniger auf parteiplotisches Taktieren und die Beachtung einzelner Interessensgruppen konzentrieren würden.
 
Wir bitten Sie eindringlich, sehr verehrte Frau Minister Dr. Krammer, sehr geehrter Herr Minister Dr. Farnleitner, ein sofortiges Einfuhrverbot genmanipulierter Sojabohnen und die strikte Kennzeichnungspflicht genmanipulierter Nahrungsmittel durchzuführen, bzw. sie nicht weiter zu blockieren.
 
Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr
 
Dr. med. Lothar Krenner

PS: Siehe zu diesem Thema einen aktuellen Bericht in TIME, vom 28.10.96, Seite 46.
Wien, am 31.10.96